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Waldspaziergang für unseren Job Artikel bei MOVO

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Der Wald ist weit mehr als ein Ort der Erholung. Wer aufmerksam hinsieht, entdeckt dort erstaunliche Prinzipien für das Berufsleben: über die eigenen Stärken, lebenslanges Lernen, tragfähige Beziehungen, den Umgang mit Schwächen und den Mut, Vergangenes loszulassen.


  1. Lebe, wer du bist

    Im Wald ist jeder Baum unverwechselbar anders und entschlossen, seine spezifische Mission zu erfüllen. Die Buche bleibt eine Buche und schaut nicht neidisch auf die Esche, die mit mehr Nässe am Boden wunderbar klarkommt. Und sie wird auch nie eine Esche werden, nur weil an einem Standort viel Wasser zu finden ist. Dort muss die Esche hin – eine Buche wird nicht überleben.

    Unsere Aufgabe ist es, einen Job zu finden, der zu unseren Fähigkeiten und Begabungen passt. Ich habe schon Menschen erlebt, die krankhaft an einer unpassenden Aufgabe festhielten. Der Schaden war gigantisch – nicht nur für mich und das Unternehmen, sondern auch für die Menschen selbst.

    Falls dein Job dich nicht erfüllt: Kann es daran liegen, dass du den falschen hast? Wäre nicht eine Veränderung an der Zeit?

    Prüfe es und sei mutig. Auch du hast viele Talente. Und es gibt eine passende Aufgabe für dich, die du mit Freude erfüllen wirst.

    Sei kein Reh. Ergreife die Flucht.


  2. Wachse

    Im Wald wächst alles. Was nicht wächst, ist tot. Es gibt auch Ruhephasen. Doch ohne stetiges Wachstum und andauernde Erneuerung sind viele Prozesse nicht möglich – und letztlich auch kein Leben.

    Warum glauben wir, dass wir unser Wissen und unsere Fähigkeiten nicht erweitern müssen? Nie war der Bedarf an Lernen und Veränderung höher als heute. Wer nicht investiert, wird auch nicht mitgestalten dürfen.

    Lerne. Lies Bücher. Höre Podcasts. Besuche Fortbildungen. Wachse systematisch und täglich an Wissen und Erfahrung.

    Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich als Familienvater täglich im Keller eingeschlossen und gelernt habe. Wie gut, wenn wir dem Ruf zu täglicher Stille oder Andacht folgen. Aber bitte vernachlässige auch die Weisheit nicht.

    Sei durstig nach neuem Wissen in den Themen, die deinen Beruf betreffen.

    Im Wald wächst alles. Was nicht wächst, ist tot.


  3. Begegne dem Mangel

    Der Wald gewinnt in der Natur so gut wie immer. Aber es kommt vor, dass auch sein Wachstum gehemmt wird. Das Fehlen nur eines einzigen Mikroelements, zu viel oder zu wenig Wasser oder ein zu saurer Boden können das Wachstum begrenzen oder Wald in einem Gebiet sogar vollständig verhindern – auch wenn sonst alles perfekt sein sollte.

    Nach einer Bodenanalyse und der anschließenden Zugabe des fehlenden Elements setzt oft sprunghaftes Wachstum ein.

    Uns wird geraten, an unseren Stärken zu arbeiten. Das ist grundsätzlich richtig. Tu es, es lohnt sich. Aber prüfe unbedingt, ob dich nicht ein Mangel begrenzt.

    Es kann sich um eine vermeintliche Kleinigkeit handeln: unpassende Kleidung, Unpünktlichkeit, zu leises oder zu lautes Auftreten oder zu viel Kritik. Ausführungen können zu lang, aber auch zu kurz sein.

    Wie findest du deinen persönlichen Mangel heraus?

    Schmerzhaft, aber einfach: Frage deine Kollegen und Freunde gezielt danach. Ich bat einmal mein gesamtes Leitungsteam um diesen Gefallen und verließ den Raum. Als ich zurückkam, waren die Bemerkungen notiert.

    Mann, tat das weh! Und Mann, war das wichtig!

    Lass dich nach einem solchen Feedback am besten bei der Beseitigung deiner Schwächen begleiten. Beginne mit dem größten Problem. Es wird sich lohnen.


  4. Lebe die Beziehung

    Der Wald hat kein Netzwerk. Der Wald ist ein Netzwerk.

    Es wird gegeben und empfangen. Die Bäume geben den Pilzen freiwillig etwa 25 Prozent ihrer durch Fotosynthese erzeugten Energie ab. Dafür empfangen sie Nährstoffe und Wasser. Unglaubliche Mengen von Früchten werden an Tiere verschenkt.

    Das Netzwerk im Wald funktioniert ohne Absprachen und Verträge. Man gibt, was man geben kann, und nimmt, was man braucht.

    Auch der Beruf ist ein Netzwerk. Verschenke viel und sei bereit zu empfangen. Biete Hilfe an und bitte um Hilfe.

    Ich schenke den Menschen, die mir begegnen, gute Worte. Es lässt sich fast immer etwas finden, das man loben kann. Warum es also nicht mutig aussprechen?

    Verschenke gute Worte und tue den Menschen um dich herum bei jeder Gelegenheit einen Gefallen. Gib mehr als nötig. Sei großzügig.

    Lange habe ich mich geweigert, es zu akzeptieren. Doch wie du wahrgenommen wirst und wie gut dein Netzwerk ist, kann wichtiger sein als die Qualität deiner Arbeit.

    Der Wald hat kein Netzwerk – der Wald ist ein Netzwerk.


  5. Wirf ab

    Das Geweih eines starken Hirsches kann bis zu 20 Kilogramm wiegen. Es besteht aus Knochensubstanz, hart wie unsere Zähne. Es ist sein Stolz, seine Waffe, mühsam aufgebaut und gepflegt. Prächtig.

    Und dennoch ist es nicht das Ergebnis lebenslanger Arbeit. Jahr für Jahr wirft der Hirsch sein Geweih ab und beginnt von vorn mit dem Aufbau.

    Aufgrund seiner besonderen Wachstumstechnik kann das kampffertige Geweih nicht weiterwachsen. Damit ein neues und in der Regel besseres entstehen kann, muss das alte weg.

    Unglaublich: so viel Arbeit, so viele Ressourcen!

    Doch damit das Bessere kommen kann, muss manchmal das Gute und Alte verschwinden.

    Halte nicht an einer guten Position in deinem Unternehmen fest. Gehe Risiken ein und wirf auch einmal deinen Hut in den Ring, wenn neue Posten und Aufgaben verteilt werden.

    Das Neue ist nicht immer besser. Aber alles Bessere ist irgendwann neu.

    Meine Auswanderung aus Polen bedeutete, alles wegzuwerfen, was ich hatte. Aber es kam so viel Besseres hinzu.


  6. Umarme den Schmerz

    Der Baum überprüft fortlaufend die Wirtschaftlichkeit seiner Zweige. Ist ein Zweig – meistens durch zu viel Schatten – unwirtschaftlich, wird er abgestoßen und der Baum beginnt mit der Überwallung.

    Der Aststumpf wird mit neuen Holzschichten überdeckt, die Borke wieder geschlossen. Nur im Inneren bleibt ein eingewachsener Ast zurück.

    So behandelt der Baum auch eingeschlagene Nägel, Splitter oder Zäune: Sie werden umarmt und mit gesundem Holz umhüllt. Der Schmerzverursacher wird zum Bestandteil des Baumes – unschädlich im Inneren abgedichtet und verborgen.

    Es ist nahezu unmöglich, mit anderen Menschen zu arbeiten, ohne durch sie verletzt zu werden. Meistens geschieht das nicht körperlich, sondern durch Worte oder falsche Handlungen. Und das schmerzt.

    Da müssen wir hindurch. Gerade aus den Ereignissen, die am meisten wehtun, lernen wir häufig am meisten.

    Habe keine Angst vor dem Schmerz. Kämpfe nicht ständig gegen ihn an. Lass ihn zu und nutze ihn. Er ist ein Teil deines Lebens, den du nicht immer verhindern kannst. Du kannst ihn nur liebevoll umarmen.

    Und wir brauchen – genau wie die Bäume – Geduld. Eine Überwallung dauert beim Baum Jahrzehnte. Auch wir werden nicht über Nacht heil.


  7. Schau nicht zurück

    Selbst wenn ein Reh eine Gefahr wahrgenommen hat, will es meist noch mehr wissen. Nähert man sich einem Reh, schaut es den Menschen häufig neugierig an und ergreift erst spät die Flucht.

    Doch selbst diese Flucht ist nicht konsequent. Schon nach wenigen Metern bleibt es stehen und schaut zurück.

    Was ist da los? Ich muss doch noch einmal nachsehen …

    Der Jäger hat dadurch leichtes Spiel.

    Wildschweine sind in diesem Punkt rigoros. Haben sie eine Gefahr erkannt, ergreifen sie entschlossen die Flucht. Mit dem Blick nach vorn suchen sie ein sicheres Versteck – weit weg von der Gefahrenquelle.

    Wir Menschen verhalten uns nur allzu oft wie die Rehe. Lieber schauen wir gebannt in die Vergangenheit zurück, anstatt sie aufzuarbeiten, die richtigen Schlüsse zu ziehen und uns auf die Zukunft zu konzentrieren.

    Vergib dir und den anderen. Sei gnädig – auch mit dir selbst.

    Ich ärgere mich oft über meine Fehler, bis ich an die Rehe und den tödlichen Schuss denke. Wie ein Wildschwein muss ich weg von der Gefahr und sofort vergeben.

    Verharre ich im Ärger, ist es, als würde ich zur Gefahr zurückschauen. Irgendwie natürlich – aber dennoch keine gute Idee.


Was wir aus dem Wald mitnehmen können

Der Wald zeigt uns, dass berufliche Entwicklung nicht nur aus Leistung besteht. Sie braucht Selbsterkenntnis, Wachstum, Beziehungen, ehrliches Feedback und die Bereitschaft, Altes loszulassen.

Manches muss wachsen. Manches muss heilen. Und manches müssen wir hinter uns lassen.

Wer aufmerksam durch den Wald geht, entdeckt deshalb nicht nur Bäume, Tiere und Pflanzen. Er entdeckt Orientierung für das eigene Leben und den Beruf.




Seite aus dem Movo Magazin mit Artikel von Darius Götsch
Seite 18 im Magazin Movo

 
 
 

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