Regen im Urlaub - und?
- waldfuehrung

- 14. Mai 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Regen im Urlaub
Der Eibsee gehört zu den schönsten Orten Deutschlands. Ich weiß, Schönheit ist ein großes Wort. Doch in diesem Fall fällt mir kein besseres ein. Das Wasser schimmert in Türkis- und Smaragdtönen, dahinter erhebt sich die Zugspitze, als würde sie den See beschützen. An windstillen Tagen spiegeln sich die Berge so klar im Wasser, dass Himmel und Erde ineinanderzufließen scheinen. Jedes Jahr kommen Menschen aus aller Welt hierher. Sie mieten Tretboote, spazieren am Ufer entlang oder setzen sich einfach auf einen Felsen und schauen. Nicht, weil dort etwas Spektakuläres geschieht, sondern weil Schönheit manchmal genügt.
An diesem Tag jedoch war nichts wie sonst. Schon am Morgen hing eine schwere Wolkendecke über den Bergen. Die Zugspitze war verschwunden. Der Regen fiel ununterbrochen, und das Wasser war von tausenden kleinen Kreisen überzogen. Viele Besucher drehten enttäuscht um. Einige schüttelten den Kopf, andere flüchteten unter ihre Schirme. Regen im Urlaub. Kaum etwas scheint unsere Erwartungen schneller zu enttäuschen. Und doch fiel mir etwas auf. Mitten auf dem See ruderte ein kleines Boot. Zwei Menschen saßen darin. Langsam. Ruhig. Als hätte der Regen seine Bedeutung verloren.
Ich hob die Kamera. Seit einigen Jahren fotografiere ich fast ausschließlich mit einem Teleobjektiv. Dabei habe ich etwas gelernt, das weit über die Fotografie hinausgeht. Ein Objektiv zeigt niemals alles gleichzeitig scharf. Es zwingt mich zu einer Entscheidung: Worauf lege ich den Fokus? Stelle ich auf den Regen scharf, verschwindet das Boot fast vollständig. Richte ich den Fokus auf die Menschen, wird der Regen zu einer weichen Struktur auf der Wasseroberfläche. Die Wirklichkeit bleibt dieselbe. Nur der Fokus verändert das Bild. Genau so arbeitet auch unser Herz. Es stellt ständig scharf – oft, ohne uns zu fragen. Und erstaunlich häufig richtet es den Blick auf die Regentropfen.
Während meiner Zeit als Führungskraft hörte ich täglich von Problemen. Die Zentrale hatte eine unverständliche Entscheidung getroffen. Ein Lieferant hielt seine Zusagen nicht ein. Ein Kunde war schwierig. Ein Kollege verletzte andere mit seinen Worten.
Manches davon ließ sich lösen, vieles nicht. Irgendwann begann ich, in solchen Gesprächen nur noch drei Worte zu sagen: „Regen im Urlaub.“ Zunächst schauten mich die Mitarbeiter irritiert an. Dann mussten sie meistens lächeln. Denn jeder verstand sofort, was gemeint war. Natürlich ist Regen im Urlaub unerquicklich. Niemand freut sich darüber. Aber genauso klar ist: Niemand wird ihn dadurch beenden, dass er sich darüber ärgert. Der Regen fällt trotzdem. Die Energie, die wir in unseren Ärger investieren, fehlt uns anschließend bei der Suche nach einer Lösung.
Vielleicht gehört genau das zu den wichtigsten Lektionen der Natur. Der Wald kämpft nicht gegen den Winter. Der Fluss streitet nicht mit dem Felsen. Und der Regen fragt uns nicht nach unserer Meinung. Die Natur verschwendet keine Kraft im Widerstand gegen Unveränderliches. Sie nutzt ihre Kraft für Wachstum. Wie oft tun wir genau das Gegenteil? Wir diskutieren stundenlang über Entscheidungen, die längst getroffen sind. Wir ärgern uns über Menschen, die wir nicht verändern können. Wir halten an Fehlern der Vergangenheit fest, obwohl sie nicht mehr rückgängig zu machen sind. Dabei raubt uns jeder Blick zurück einen Teil der Kraft, die wir für den nächsten Schritt nach vorne dringend brauchen.
Gelassenheit bedeutet nicht, alles gut zu finden. Gelassenheit bedeutet, den Unterschied zu erkennen zwischen dem, was ich verändern kann, und dem, was ich annehmen muss. Diese Erkenntnis verändert den Blick – nicht nur auf den Urlaub, sondern auf das ganze Leben.
Als ich später das fertige Foto auf dem Bildschirm betrachtete, wurde mir bewusst, warum es mir so gut gefiel. Es zeigte keinen perfekten Sommertag. Es zeigte Menschen, die sich den Tag nicht vom Regen nehmen ließen. Vielleicht ist genau das Glück: nicht auf den perfekten Himmel zu warten, sondern trotz dunkler Wolken ins Boot zu steigen. Seit diesem Tag frage ich mich in schwierigen Situationen immer wieder: Schaue ich gerade auf den Regen – oder auf das Boot? Denn der Regen entscheidet selten über die Qualität unseres Lebens. Unser Fokus schon. Und manchmal genügt eine kleine Veränderung des Blickwinkels, damit wir entdecken, was die ganze Zeit da war.
Das Gute.
Wir müssen nur lernen, es zu sehen.




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