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Jeder verdient eine Chance. Wirklich?

Was für ein seltsames Wesen. Als ich dieses junge Blässhuhn zum ersten Mal durch den Sucher betrachtete, musste ich zweimal hinschauen. Schwarzer Flaum, roter Kopf, orangefarbene Borsten. Ein bisschen Punk, ein bisschen Star Wars. Schön? Nun ja.

Aus diesem Küken wird auch kein majestätischer Schwan wie im Märchen vom hässlichen Entlein. Es bleibt ein Blässhuhn. Aber ich kenne diese Vögel inzwischen gut. Sie sind mutig, fürsorglich, ausdauernd, einfallsreich und erstaunlich genügsam. Eigenschaften, die man diesem merkwürdigen kleinen Wesen kaum ansieht. Vielleicht musste ich deshalb an Menschen denken. An Menschen, deren Lebenslauf nicht glänzt. An abgebrochene Ausbildungen, Umwege, schlechte Zeugnisse, Brüche und zweite Anläufe. An Menschen, bei denen man nach den Unterlagen sagen könnte: Nein.


Ich habe in meiner Führungsverantwortung mehrfach anders entschieden. Zwei Fälle sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Zwei junge Menschen, bei denen vieles gegen eine Einstellung sprach. Zweimal haben wir trotzdem eine Chance gegeben. Die Bilanz: einmal gut, einmal schlecht.


Einer dieser jungen Menschen entwickelte sich hervorragend. Die Ausbildung endete mit Auszeichnung. Aus jemandem, dem zunächst kaum etwas zugetraut worden war, wurde eine starke und verlässliche Persönlichkeit. Bis heute bin ich froh, dass wir damals nicht nur den Lebenslauf gesehen haben. Ich war zur Feier der besten Absolventen eingeladen und hatte Tränen in den Augen. Ein besonderer Mensch, und wir durften ein wenig auf seinem Weg helfen.


Ein anderer Fall endete in einer Katastrophe. Nur knapp blieben unbeteiligte Menschen unverletzt. Der wirtschaftliche Schaden war groß, und es brauchte viel Zeit und Kraft, die Folgen zu bewältigen.

Zwei Chancen. Zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Und genau deshalb bin ich bei einem Satz vorsichtig geworden: „Jeder verdient eine Chance.“


Nein. Zumindest nicht jede Chance. Und schon gar nicht ohne Grenzen.

Nicht jeder Mensch sollte Zugang zu deinem Team, deinem Unternehmen oder deinem Leben bekommen. Was ich gelernt habe: Es geht zuerst um Charakter. Ein schwieriger Lebenslauf ist kein Charakterfehler. Aber ein guter Lebenslauf ist auch kein Charakterzeugnis.


Wissen kann man erwerben. Fähigkeiten kann man trainieren. Erfahrung kann wachsen. Beim Charakter schaue ich seit Jahren dagegen sehr genau hin: Ehrlichkeit, Verantwortungsbereitschaft, Verlässlichkeit, der Umgang mit eigenen Fehlern und die Bereitschaft, Konsequenzen zu tragen. Meinen Führungskräften habe ich deshalb immer gesagt: Prüft bei der Auswahl nicht nur Können und Lebenslauf. Prüft den Menschen. Und denkt daran, bevor ihr zu schnell eine Chance gebt: Charakter ist wie Beton.


Dabei geht es nicht um Bauchgefühl, sondern um beobachtbares Verhalten. Und ja, die Frage ist berechtigt: Wie kann ich das wirklich prüfen? Suche nach Wegen, investiere Zeit und beobachte genau. Auch die Probezeit sollte sehr ernst genommen werden. Handle, wenn du Warnzeichen siehst. Und sei dir deiner eigenen Fehlbarkeit bewusst. Entscheide nicht nur nach Gefühl, sondern so weit wie möglich nach der Faktenlage. Und misstraue auch dem Retter in dir. Niemandem ist geholfen, wenn du eine Chance gibst, die im Chaos endet.


Menschen können sich verändern. Gott sei Dank habe ich das erlebt. Aber tiefgreifende Veränderung ist selten und erfordert viel Stärke und oft einen Zerbruch. Wir können einen Menschen unterstützen, ihm Türen öffnen und Vorbild sein. Verändern können wir ihn nicht.

Vielleicht ist gerade das eine der schwersten Lektionen für Menschen, die gerne helfen. Großzügigkeit ohne Urteilskraft kann Gutes bewirken, aber auch großen Schaden anrichten. Deshalb würde ich heute beides tun: großzügig auf das Potenzial eines Menschen schauen und sehr sorgfältig auf seinen Charakter.


Das kleine Blässhuhn erinnert mich daran, niemanden wegen seines Aussehens, seiner Herkunft oder eines unvollkommenen Anfangs abzuschreiben. Meine Erfahrungen erinnern mich aber ebenso daran, Warnzeichen nicht aus Gutmütigkeit zu übersehen.


Ich habe viele Fehler beim Chancengeben gemacht. Manche hatten deutlich größere Folgen als die Geschichte, die ich dir gerade erzählt habe. Ich habe leider keine Lösung für diese Spannung. Somit werde ich weiter Fehler machen. Aber ich möchte heute bei dir und bei mir das Bewusstsein für die Ernsthaftigkeit dieses Problems wachhalten. Denn der Schaden einer falschen Chance kann gewaltig sein.


Drei Bitten hätte ich an uns: Charakter statt Lebenslauf prüfen, die Probezeit ernst nehmen, dem eigenen Retter-Instinkt misstrauen. Mach es besser als ich.


Ich wünsche dir viel Weisheit bei den Menschen, denen du eine Tür öffnest. Und mich würde interessieren: Bin ich damit zu hart? Gab es in deinem Leben einen Menschen, dem du eine Chance gegeben hast, obwohl vieles dagegensprach? Und würdest du es wieder tun?


Herzliche Grüße


Dein

Darius


 
 
 

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